Warum die Frage “wie geht's dir?” keine gute Idee ist

Du triffst eine Bekannte wieder und ihre erste Frage lautet: Hey, schön dich zu sehen. Wie geht’s dir denn?

Wenn du dir generell viele Gedanken um deine Gesundheit machst, dann ist das für deinen Kopf DIE Einladung, direkt einen “Körperscan” zu starten.
Zu überprüfen: wie geht’s mir gerade?
Den Körper und das generelle Befinden nach Dingen zu durchsuchen, die “falsch laufen” oder anders sein sollten.

… und wenn du in dieser Richtung suchst, dann findet sich schnell was.

Oder du erinnerst dich an Schmerzen, Unwohlsein oder Symptome, die in den vergangenen Tagen da waren.
Du hattest es schon wieder vergessen, aber stimmt … da war doch was. Wie geht’s mir damit eigentlich? Ist das ganz weg? Oder ist noch ein Rest da?

Während du darüber nachdenkst, bemerkst du schon ein leichtes Ziehen.

Und *schwups* fühlst du dich einen Tacken schlechter als gerade noch, bevor du die Frage gehört hast.

Ohne zu merken, was da los ist, denn all diese Gedanken und Prozesse gehen natürlich viel schneller vonstatten, als ich sie hier beschrieben habe.
Das läuft alles unterbewusst und fast zeitgleich in einem Affenzahn ab.

Wir merken meist nur:
oh, mir geht’s grad gar nicht mehr so gut
oder
irgendwie bin ich jetzt schlechter drauf. Das muss an der Frage (oder Person) liegen.

Was mache ich, wenn mir jemand diese Frage stellt?

Darauf habe ich keinen Einfluss und trage kein Schild mit mir rum, auf dem steht: frag mich bitte nicht, wie es mir geht.

Laufe ich dann schreiend weg? Oder wie vermeide ich den Bodyscan?

Wir brauchen nichts zu vermeiden.

Es reicht, wenn wir wissen, dass unser Verstand immer Antworten auf Fragen finden will und daher “den Scan” startet, um eine fundierte Antwort geben zu können.

Wenn uns das bewusst ist, brauchen wir nicht auf das “Scanergebnis” zu warten, sondern können einfach direkt antworten, was uns spontan in den Sinn kommt.

Die Frage ist ja auch:
Will das Gegenüber eine Antwort oder ist das nur eine Floskel, um ins Gespräch zu kommen?
Müssen wir wirklich detailliert antworten oder reicht auch eine Floskel als Antwort?

Mir ist aufgefallen, dass es meinem Gegenüber scheinbar nicht auffällt, wenn meine Antwort nicht zur Frage passt.
Wenn ich also auf “wie geht’s?” z.B. mit “bei dem schönen Wetter habe ich meine Mittagspausen diese Woche draußen verbracht. Du auch?” antworte. 

Sollten wir also merken, dass wir uns plötzlich nach einem “wie geht’s?” nicht mehr so gut fühlen, wissen wir, woher es kommt (vom Bodyscan) und dass wir dem keine Beachtung schenken müssen.
Schließlich war es vor der Frage auch kein Thema.
Wir dürfen es wieder “vergessen”.

Und das geschieht ganz automagisch, wenn wir nicht mehr daran denken, sondern uns mit anderen Sachen beschäftigen.
Wie zum Beispiel der Bekannten, der wir gerade begegnet sind.

Heißt das jetzt, ich darf diese Frage nie wieder stellen?

Natürlich nicht.
Alles ist erlaubt.

Mir kommt sie auch manchmal automatisch über die Lippen.
Gewohnheit eben.
Wenn es mir auffällt, dann muss ich sie nicht stellen und sage oder frage etwas anderes.

Es ist auch nichts Schlimmes dran.

Wenn wir jetzt anfangen, zu glauben: oh Hilfe, wenn ich diese Frage stellt, dann… und quasi Angst davor bekommen, tun wir uns damit auch keinen Gefallen.
 
Dann spukt uns diese Frage immer im Kopf rum, damit wir vermeiden, sie zu stellen. Und dadurch wird sie omnipräsent.
Quasi das Gegenteil von dem, was wir eigentlich wollen.

Aber es ist einfach gut zu wissen, dass uns diese Frage zur “internen Googlesuche” anleitet.
Dass sie den Fokus darauf lenkt: Was stimmt hier nicht? Was läuft gerade falsch?

Die Frage ist: möchte ich das? Möchte ich in die “Fehler-Richtung” gucken?
(wie immer - es gibt kein richtig und kein falsch)

Und wenn wir das nicht möchten, dann stellen wir einfach eine andere Frage - wenn wir dran denken.

Vielleicht möchtest du ein Gespräch auch einfach mal anders starten.

Welche Frage kann ich sonst stellen?

Oder wie fange ich ein Gespräch ohne diese Frage an?

Du kannst dir ja generell Gedanken machen, was bzw. welche Themen dich wirklich interessieren und dir dazu ein paar Fragen überlegen, damit du schon mal Alternativen zu “wie geht’s?” im Kopf hattest.
 
Nicht auswendig lernen, sondern einfach mal andere Möglichkeiten “brainstormen”.

Wichtig ist, dass du mit der Frage etwas anfangen kannst und an einer Antwort interessiert bist.
Wie z.B.

Was hast du Schönes erlebt?
Was machst du so nach Feierabend?

Oder kannst du ein (ehrliches!) Kompliment machen? (du siehst aber gut aus, die Schuhe sind toll, die Frisur/Brille steht dir ,...)

Was fällt dir an der Person (positiv 😉) auf?

Und bevor sich eine Frage wie auswendig gelernt anfühlt und anhört, kann man auch einfach ehrlich sagen:
Mensch … ich bin so überrascht, dich zu sehen und weiß gar nicht, was ich sagen soll … Erzähl du doch mal. Was gibt’s Neues?

Und schwups hast du den Ball an das Gegenüber weiter gegeben.

Was hast du aus diesem Beitrag mitgenommen?
Und welche Alternative zu “wie geht’s” kam dir in den Sinn?

  • Ja, das kann ich bestätigen: Sobald jemand fragt, wie es mir geht, geht es mir schlechter als vorher. 🤔 Aber bloß nicht antworten! Sofern es kein Arzt ist, der fragt, will das Gegenüber sowieso keine ehrliche Antwort hören, sondern nur ins Gespräch kommen. Ich übergehe die Frage gern mal mit der Gegenfrage: „Und selbst?“ Oder ich sage einfach nur, wo ich gerade herkomme oder hingehe.
    Das kann diesen Scan zwar auch nicht verhindern, ich bleibe aber nicht drin stecken.

    • Hallo Karin,
      ja, genau. Die Antwort geht zwar am Thema vorbei, aber meist fällt es gar nicht auf.

      Klasse, dass dir das schon bewusst ist!

      Den Scan kann man damit nicht vermeiden, aber das muss man ja zum Glück auch gar nicht.

      Wenn uns klar ist, dass das schlechter fühlen „einfach nur vom Scan“ kommt, dann fällt es uns meist leichter, die Beschwerden nicht so ernst zu nehmen, uns gedanklich mit etwas anderem zu beschäftigen und die Gedanken (und Beschwerden) weiterziehen zu lassen.

      Und wir bleiben – wie du es ausdrückst – nicht drin stecken.

      Das macht – zumindest für mich – einen großen Unterschied aus.

    • Liebe Karin, ich finde es schade, dass Du glaubst, andere Menschen wären grunsätzlich nicht daran interessiert wie es Dir geht.

  • Finde ich sehr brauchbar. Danke für die Ideen! Obwohl ich schon oft Bedarf nach einer alternativen Fragemöglichkeit gesucht habe, habe ich mir noch nicht wirklich welche zurecht gelegt. Ich blieb oft bei der Frage hängen, wie ehrlich und offen ich denn sein mag, und was ich sage, wenn es mir nicht so gut geht. Wie detailliert will ich da antworten? Echt schon wieder über körperliche Unpässlichkeiten reden??? Ich will ja nicht in eine Abwärtsspirale schlittern.
    Mir sind noch folgende Fragen eingefallen:
    Was beschäftigt dich gerade?
    Auf welche Ereignisse in der nächsten Zeit freust du dich?
    Für welche Beschäftigung hättest du gern mehr Zeit?
    Sammelst du etwas? Hast du je etwas gesammelt?

    • Hallo Maria,
      ja, genau. Wenn man weiß, dass man mit der Antwort in eine Abwärtsspirale schlittert, muss man das ja nicht machen.

      Danke für deine Fragen.
      Mir gefallen sie richtig gut. 👍

      Man kann natürlich auch sowas fragen, wie:
      Hast du schon (Kino) Film xy gesehen?
      Hast du Buch xy gelesen? Wie gefiel es dir?

      Liebe Grüße
      Michaela

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