Was steckt hinter Hochsensibilität?

6  Kommentare

Was steckt eigentlich hinter Hochsensibilität?

Diese Frage tauchte immer wieder in meinen Gedanken auf und ließ mich nicht los.

Als ich erstmals auf den Begriff Hochsensibilität gestoßen bin, fühlte ich mich befreit.
Verstanden.
Mir war immer klar, dass mit mir etwas nicht stimmte und dann las ich, dass es anderen auch so ging und es sogar einen Begriff dafür gab. Jippie.
Also „klebte“ ich mir dieses Label direkt auf.
Ich bin Hochsensibel.

Falls dir der Begriff nichts sagt – u.a. das steht auf Wikipedia dazu:

Hochsensibilität bezeichnet als Eigenschaft ein Konzept zur Erklärung der zwischen Individuen unterschiedlichen psychologischen und neurophysiologischen Verarbeitung von Reizen.

Das war für mich die Erklärung, warum ich oft anders reagierte als andere Menschen.
Als „normale“ Menschen.
Ich war sensibler.
Empfindlicher.
Überempfindlich. (wie oft hatte ich das als Kind schon gehört… und das war nicht nett oder freundlich gemeint, sondern eher genervt oder ärgerlich…)

Seit diesem Label konnte ich mich damit besser annehmen. 

Das „anders sein“ besser annehmen.
Es gab Grunde dafür.
Meine internen Filter waren anders eingestellt.
Meine Reize wurden anders verarbeitet.
Kannste nix machen.
Ist auch nicht wirklich schlimm.

Achte einfach darauf, dass du dich nicht überlastest.
Dich nicht zu vielen Reizen auf einmal aussetzt.
Und wenn doch, dann merkst du es schnell, weil du dich überfordert fühlst.

Gerüche nehme ich z.B. intensiver wahr als viele andere in meinem Umfeld. 

Eigentlich brauche ich meinen Mann gar nicht zu fragen „riechst du das?“, weil er das selten tut.
Wenn wir im Auto unterwegs waren und ich sagte: boah… hier hat wieder jemand Gülle gefahren, dann roch er nichts. Vielleicht 5km später, als ich den Duft schon lange in der Nase hatte, kam dann von ihm: jetzt rieche ich es auch. Während ich das Aroma immer noch roch, war es für ihn schon längst verflogen.

Gülle ist ein extremes Beispiel, aber es geht mir mit Parfüm, Duschgel, Deo, Waschmittel und anderen Gerüchen… ähnlich.
Oft ist mir schon die normale Dosis „zu viel“.
Ob es nun Tee, Schweiß, eine Duftkerze, Essensgerüche,… sind, spielt keine Rolle.

Seit dem Label „Hochsensibel“ war es für mich okay, dass ich das intensiver wahrnehme.
„Das ist bei uns Hochsensiblen eben so.“ (da können „die Normalos“ nicht mitreden. Die verstehen das nämlich nicht!)
Damit war das Thema abgehakt.

Spannend fand ich, dass

mir auch körperliche Veränderungen sehr schnell auffielen

Wenn „etwas nicht stimmte“, dann merkte ich das sofort.
Und dieses „etwas stimmt nicht“ war eigentlich nur, dass es anders als vorher war.
Mein Fazit, bzw. meine Schlussfolgerung: da stimmt etwas nicht.

Einmal merkte ich, dass meine Schilddrüse „unrund“ lief. Die Symptome kannte ich schon. Also ließ ich mir irgendwann Blut abnehmen und die Werte bestimmen.
Das Ergebnis vom Arzt war: alles in Ordnung.

Das Resultat war für mich aber nicht in Ordnung, denn ich spürte ja, dass etwas nicht stimmte (anders war). Das konnte nicht sein. Ich täuschte mich nicht!!
Schließlich habe ich noch mal in der Praxis angerufen, mir die genauen Werte geben lassen und mit den „Normwerten“, die ich im Internet gefunden habe, verglichen.
Sie waren im Normbereich – aber kurz vor dem Grenzwert, der für „da stimmt was nicht“ steht.

Für mich war es die Bestätigung, dass ich Hochsensibel bin und die Veränderungen schon bemerke, bevor sie in den „kritischen Bereich“ kommen.

Seit die Frage, was hinter der Hochsensibilität steckt, immer wieder auftaucht, habe ich darüber reflektiert.

Die neue Frage lautet:

Ist Hochsensibilität nicht Hypervigilanz?

Oder eine Folge davon?

Wikipedia sagt:
Hypervigilanz ist ein Begriff aus der Psychologie und bedeutet erhöhte Wachsamkeit oder Wachheit. Sie führt zu stark erhöhtem Arousal und ist somit das Gegenteil von Hypovigilanz, dem Begriff für erhöhte Schläfrigkeit.

Seit ich mich näher mit den 3 Prinzipien beschäftige und auch speziell mehr über körperliche Beschwerden erfahren möchte (z.B. von John El-Mokadem) taucht der Begriff Hypervigilanz immer wieder auf.

Ich beschreibe es so, dass ich (mehr oder weniger unbewusst) ständig meinen Körper (und die Umgebung) durchscanne, ob alles in Ordnung ist.
In Ordnung steht dann für „wie sonst auch“.
Meinen inneren Normwert.

Jede Veränderung ist eine potenzielle Gefahr und muss genau beleuchtet werden.

Wie ein Virenscanner auf dem Computer, der immer wachsam ist, um den Eindringling sofort zu erkennen und Alarm zu schlagen.

Es vermittelte mir Sicherheit, lieferte mir wertvolle Informationen und war wichtig - dachte ich zumindest.

Dieses Scannen mache ich nicht erst seit gestern.
Mir scheint, das habe ich schon als relativ kleines Kind gemacht.
Und nicht damit aufgehört.

Und wie das so ist mit Sachen, die man ständig macht… man wird geübter und besser darin.

Zwangsläufig.
Wenn du täglich bügelst, dann wirst du es nach 3 Monaten besser können.
Wenn du täglich schreibst, dann verbesserst du dich.
Wenn du täglich Sport machst, verbessert sich deine Kondition und/oder Beweglichkeit.
Wenn du täglich deine Umgebung und deinen Körper nach möglichen Veränderungen (=Gefahren) abscannst, dann wirst du auch darin besser.
Du erkennst auch kleinste Veränderungen.
Einfach, weil du geübt bist.

Kein Wunder, dass mir die Veränderungen der Schilddrüse früher aufgefallen sind.
Ich hatte meine Schablone, wie mein Körper zu reagieren hat, die ich ständig mit dem aktuellen Ist-Wert verglich. 

Sobald sie nicht übereinstimmten, ging der innere Alarm los.

Und es wurde nachgeforscht.
Den Dingen auf den Grund gegangen.

Kennst du diese Fehlersuchbilder?

Fehlersuchbild schwer

So ähnlich war es bei mir auch.
Die „fehlerfreie“ Seite war meine Vorlage, wie ____________ (mein Körper, die Umwelt,…) zu sein hat.
Jede Veränderung war ein Fehler.

Je mehr ich darüber reflektiere, desto stimmiger ist es für mich, dass Hochsensibilität „eigentlich“ Hypervigilanz ist.

Die Folge davon, jahrelang alles genau analysiert und beobachtet zu haben.
Darauf zu achten, ob sich Nuancen ändern.
Und wenn es Veränderungen gibt, sie als „potenziell gefährlich“ einzustufen.
Die Gedanken, dass „etwas nicht stimmt“ zu lange zu ernst genommen zu haben.

Je wahrer der Gedanke „das ist so nicht richtig“ für mich ist, desto logischer ist es, dass ich etwas tun muss.
Etwas verändern.
Oder vermeiden, dass diese Empfindungen und „Überreaktionen“ überhaupt auftreten.

Ich geh besser nicht auf ein Konzert. Die ganzen Menschen (deren Energie, Gerüche, die Nähe,…) überfordern mich.

Was wäre, wenn diese Hochsensibilität ganz normal ist?

„Einfach“ eine Folge davon, sooo lange immer auf alle Reaktionen und Reize geachtet zu haben?
Was, wenn es nichts zu vermeiden gibt?
Wenn es okay ist, „mehr“ zu fühlen?
Und was, wenn das „mehr fühlen“ sich wieder legt, wenn wir aufhören, ständig in uns und unsere Umgebung reinzuhorchen und nach Veränderungen zu suchen?
Wenn wir erkennen, dass wir dieser Suche nach Veränderungen bzw. dem Scannen das Label „wichtig“ aufgeklebt haben?
Weil wir dachten, es wäre hilfreich für uns, diese Daten zu erheben?
Und wenn dieses „wichtig-Label“ ein Auslöser der starken Empfindungen ist?
Was wäre, wenn die „übermäßigen“ Empfindungen gar nicht wichtig wären?
Was würde sich für dich dadurch ändern?

Ich sage nicht, dass es so ist, aber wenn du dich zu den Hochsensiblen zählst, dann lade ich dich dazu ein, darüber zu reflektieren und mir deine Gedanken dazu im Kommentar zu hinterlassen.
Ich hab wirklich Lust darauf, mich darüber mit dir auszutauschen.
Hier oder in der Facebook Gruppe.

Über die Autorin

Die 3 Prinzipien erklären, wie wir Menschen funktionieren und wie Probleme und Leiden entstehen. Ich verstehe ich mich als eine Art Wegweiser und liebe ich es, meine Klienten auf den Ort, an dem zu jedem Zeitpunkt die perfekte Lösung zur Verfügung steht, aufmerksam zu machen.

Michaela Thiede


Tags

3 Prinzipien, empfindlich sein, hochsensibel, Hochsensibilität, hochsensitiv, Hypervigilanz, Körper scannen, Three Principles, überempfindlich


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  1. Hallo Michaela,

    ich habe vor kurzem ein sehr spannendes Wort gelernt: "Neurosensitivität". Dieses Wort bezeichnet ganz neutral die Fähigkeit, wie man auf Reize reagiert. Wie es also aussieht, ist Sensitivität einfach ein Merkmal, wie z. B. Intelligenz. Wie es aussieht, sind rund 30 % aller Menschen einfach sensitiver als andere, können also mehr wahrnehmen.

    Es wäre schon gut, grundsätzlich damit seinen Frieden zu machen 😉

    Liebe Grüße und schöne Feiertage 🙂
    Monika

    1. Hallo Monika,

      danke für den Begriff „Neurosensitivität“, den ich bisher noch nicht gehört hatte.

      Oh ja, seinen Frieden damit zu machen ist sicher hilfreich. Zu akzeptieren, dass es okay ist, wie man ist, macht so einen großen Unterschied aus. ?

      Liebe Grüße & dir auch schöne Feiertage
      Michaela

  2. Hallo, Michaela! Hochsensibilität kenne ich zum Teil auch. Weniger mit Gerüchen, dafür mit Geräuschen. Ich höre fast nie Musik. Bei Werbung im Fernsehen stelle ich meistens den Ton aus. .Manche Stimmen kann ich nicht ertragen, obwohl ich mir natürlich sage, dass die Menschen nichts für ihre Stimme können.
    Das, was du als Körperscannen bezeichnest, kommt mir auch bekannt vor, allerdings war mir bisher nicht klar, dass das auch dazu gehört. Ich dachte immer, ich sei einfach nur ein Hypochonder.

    1. Hallo Karin,
      es gibt sicher viele verschiedene Label für eine Sache. Schlussendlich ist es auch gar nicht wichtig, wie man es nennt.

      Bei Geräuschen bin ich auch empfindlich und mir ist schnell etwas zu laut. Einen tickenden Wecker brauche ich nicht im Raum. 😎
      Mit Abstand ist mir klar, dass es mit meinen Gedanken zusammenhängt. In der Situation selbst sehe ich das oft nicht.

      Liebe Grüße
      Michaela

  3. Hallo liebe Michaela,

    wie spannend – so habe ich das Thema noch nie betrachtet.

    Genauso gehe ich auch durchs Leben. Ich vergleiche zum Beispiel die Stimmung und Abweichungen davon von Menschen in meinem Umfeld und interpretiere sie auf für mich negativste Weise.
    So nach dem Motto, "oh je, jetzt ich habe etwas falsches gesagt", oder "mit mir Zeit zu verbringen ist einfach langweilig" etc…..
    So bin ich nie richtig bei mir selbst sondern meist beim Gegenüber, was seeehr anstrengend ist.
    Genauso wie das Scannen der Umgebung nach Gefahr.

    Lieben Dank für diesen erhellenden Beitrag 🙂

    Jule

    1. Hallo Jule,

      das ist doch eine tolle Erkenntnis „So bin ich nie richtig bei mir selbst sondern meist beim Gegenüber, was seeehr anstrengend ist.“
      Und das Gute ist, dass wir die Gedanken nicht denken müssen. Und selbst wenn wir es tun, dass wir sie nicht für wahr halten und ernst nehmen müssen.

      Liebe Grüße
      Michaela

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